Aktueller Kommentar November 2021

Die steigende Bedeutung steigender Rohstoffpreise

Rohstoffe sind auch hierzulande wieder in den Fokus gerückt, nachdem deren Preise im Zuge der COVID-19 Krise so stark gestiegen sind wie selten zuvor. Länder im Globalen Norden sollte dies auch diesmal nur kurzfristig beschäftigen. Für Länder des Globalen Südens bleiben diese Preisschwankungen jedoch ein essenzielles Risiko für ihre Entwicklung und Armutsreduktion. Entscheidend ist es in diesem Zusammenhang strukturelle Veränderungen an den Rohstoffmärkten zu beachten, nicht zuletzt im Hinblick auf die steigende Bedeutung stabiler Rohstoffpreise für die notwendige sozial-ökologische Transformation unseres Wirtschaftsmodells.

Bernhard Tröster (ÖFSE), November 2021

Ein Boom in der Krise

Der erste Schock der COVID-19 Krise hat im Frühjahr 2020 auch die Rohstoffmärkte erschüttert. Im April 2020 kam es kurzzeitig sogar zu negativen Notierungen von Erdöl-Terminkontrakten. Preise für Industriemetalle wie Kupfer, Aluminium und Eisenerz sind im Frühjahr 2020 innerhalb weniger Tage abgesackt. Nur Edelmetalle wie Gold und Silber profitierten als ‚sichere‘ Anlagen in der Krise.

Doch das Bild drehte sich sehr schnell. Die Nachfrage nach Rohstoffen stabilisierte sich nach der Lockerung der ersten umfassenden Lockdown-Maßnahmen und auf Grund der soliden chinesischen Wirtschaft. Zudem konnten umfassende staatliche Hilfsprogramme den wirtschaftlichen Einbruch rasch abfangen und weitere COVID-19 Unterstützungsmaßnahmen vor allem in den führenden Industrieländern im Herbst/Winter 2020 haben Einschränkungen für Industrieproduktion und internationalen Handel weitgehend vermieden. Dem gegenüber stand eine angespannte Angebotssituation, da zum Beispiel Minen in den ersten Lockdowns geschlossen wurden, die OPEC+ Staaten ihre Erdölförderung nicht ausgeweitet und logistische Probleme zu Engpässen geführt haben. Im Ergebnis stiegen die Preise der meisten Rohstoffe rasant an und überstiegen schon Ende 2020 ihr Vorkrisenniveau.

Weiter steigende Preise und Inflationsängste

Die Zuversicht auf eine starke wirtschaftliche Erholung in Europa, Nordamerika und Südostasien auf Grund von staatlichen Konjunkturprogrammen und expansiver Notenbankpolitiken hat die Preise von Energie und mineralischen Rohstoffen auch 2021 weiter steigen lassen. Zudem haben sich Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel wie Baumwolle, Kaffee und Weizen deutlich verteuert, was vor allem mit wetterbedingten Ernteausfällen, Logistikengpässen und erhöhten Preisen für Vorprodukte begründet wird. 

Der parallele Anstieg von Rohstoffpreisen ist auch ein Faktor für die derzeit erhöhten Inflationsraten in Europa und Nordamerika. Die Auswirkungen höherer Energie- und Nahrungsmittelpreise sind im Globalen Norden spürbar, vor allem für Haushalte mit niedrigen Einkommen, insgesamt aber doch begrenzt. So sind Nahrungsmittel und Getränke mit ca. 20% und Energierohstoffe mit ca. 15% zwar wichtige Komponenten des Verbraucherpreisindex in der Eurozone (in den USA sogar nur 15% und 7%), aber sie sind üblicherweise kein entscheidender Faktor für die mittelfristigen Inflationserwartungen.  

Anders sieht die Bedeutung von Rohstoffpreisen für viele Länder im Globalen Süden aus. Zum einen haben vor allem Nahrungsmittel mit rund 45% einen vielfach höheren Anteil in den Konsumausgaben privater Haushalte in Ländern mit niedrigen Einkommen (zum Vergleich: 10% in Österreich). Zum anderen spielen Rohstoffabbau und Handel eine entscheidende gesamtwirtschaftliche Rolle für viele Länder des Globalen Südens. Immerhin werden 81 Länder als ressourcenabhängig eingestuft. In diesen lebt die Hälfte der Weltbevölkerung und 70 Prozent der Menschen, die in extremer Armut leben. Obwohl diese Länder einen Großteil ihrer Exporte und Staatseinnahmen aus Rohstoffen generieren, konnte die Erholung der Rohstoffpreise die wirtschaftlichen Folgen der COVID-19 Krise in 2020 kaum ausgleichen.

Rohstoffpreise als Faktor für ungleiche Erholung

Auch für 2021 und 2022 erwartet die Weltbank zum Teil deutlich schwächere Wachstumsraten in den Ländern des Globalen Südens im Vergleich zu Länder im Globalen Norden. Damit wird es in diesen Ländern deutlich länger dauern wieder das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung zu erreichen. Dementsprechend wird die Armutsrate weiter ansteigen. Als Hauptgrund sieht die Weltbank den ungleichen Zugang zu Impfstoffen, hohe Einnahmenausfälle in wichtigen Sektoren wie dem Tourismus, aber auch begrenzte Möglichkeiten der Fiskalpolitik im Globalen Süden. Dabei unterstellt die Weltbank in ihren Projektionen aber kaum veränderte oder leicht sinkende Rohstoffpreise in 2022, obwohl starke Preisschwankungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Dabei gibt es viele Faktoren, die wieder zu starken Rohstoffpreisveränderungen führen können.

Ein großer Faktor bleibt die Unsicherheit rund um die COVID-19 Krise, wie sich derzeit in vielen Ländern wieder deutlich zeigt. Darüber hinaus könnte der Klimawandel und dessen negative Auswirkung auf die Landwirtschaft zu weiter steigenden Nahrungsmittelpreisen führen und dabei vor allem Länder mit niedrigen Einkommen als Netto-Lebensmittelimporteure treffen. Außerdem könnten Lieferengpässe Produzentenpreise und Inflationserwartungen weiter steigen lassen und damit Notenbanken zu Zinserhöhungen zwingen, mit weitreichenden Folgen für Wirtschaftswachstum, Währungskurse und Finanzmärkte. Vor allem eine Kombination aus steigenden Nahrungsmittelpreisen und sinkenden Preisen für Energierohstoffe und Metalle wäre für viele ressourcenabhängige Staaten fatal.

Strukturelle Veränderungen in Zukunft stärker beachten

Unabhängig von den aktuellen Themen ist es im Kontext der sozio-ökologischen Transformation entscheidend, auch die strukturellen Veränderungen an den Rohstoffmärkten und deren Auswirkungen zu analysieren. Dazu zählt die steigende Bedeutung von Rohstoffterminbörsen, an denen globale Referenzpreise für immer mehr Rohstoffe gebildet werden. Dabei ist auch der Einfluss von Finanzinvestoren an diesen Börsen auf Preisveränderungen entscheidend. Derzeit fehlen Analysen zu diesem Thema in der aktuellen COVID-19 Krise, und das einschlägige Forschungsinteresse ist seit dem extremen Rohstoffpreisboom in den 2000er-Jahren eher rückläufig.

Weiters hat sich die Preisgestaltung im physischen Handel mit Rohstoffen verändert. So sind immer kurzfristigere Preisvereinbarungen üblich geworden, wie zum Beispiel im internationalen Handel mit Eisenerz. Aber auch bei den aktuellen Gaspreisen in der EU spielt die Umstellung auf börsennotierte Preise an Stelle von langfristigen Vereinbarungen eine wichtige Rolle. Dies bringt großen Akteuren wie Rohstoffhändlern und Multinationalen Konzernen mehr Flexibilität und Gewinnmöglichkeiten. Doch diese Flexibilität und die damit verbundenen Rohstoffpreisschwankungen haben auch entscheidende Nachteile, die vor allem Länder im Globalen Süden seit langem kennen, aber nun auch KonsumentInnen im Globalen Norden kurzfristig spüren. Die Umgestaltung zu nachhaltigen Wertschöpfungsketten und der Aufbau von Produktionsnetzwerken für Elektromobilität und erneuerbare Energien wird daher nicht nur von der Verfügbarkeit ausreichender Mengen an Rohstoffen abhängen, sondern auch davon, ob diese Rohstoffe zu stabilen Preisen bezogen werden können. Stabile Rohstoffpreise werden damit in absehbarer Zukunft nicht mehr nur ein Anliegen der Länder des Globalen Südens bleiben. 

Bernhard Tröster ist Researcher ist Researcher in der Österreischischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung und Ökonom mit Spezialisierung sowohl im Bereich Internationale Entwicklung als auch Finanzmärkte.
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