Finanzialisierung von Rohstoffmärkten

Angesichts des Rohstoffpreisboom in den 2000er-Jahren und den gegenwärtigen niedrigen Rohstoffpreisen sind Fragen nach den Faktoren hinter diesen Preisentwicklungen und nach Maßnahmen um ähnliche Preisanstiege, -verfälle und -schwankungen in der Zukunft in internationalen und nationalen Politikdebatten von zentraler Bedeutung. Rohstoffpreise werden von unterschiedlichen Faktoren wie fundamentalen Angebots- und Nachfragefaktoren und makroökonomischen Entwicklungen beeinflusst. Jedoch können fundamentale Faktoren nur schwer die massiven Schwankungen der Rohstoffpreise der letzten Jahre erklären. Folglich hat die Rolle von Finanzinvestoren, insbesondere Banken, institutionelle Anleger und Hedge Fonds, deren Präsenz auf Rohstoff-Derivatmärkten stark angestiegen ist, größere Aufmerksamkeit bekommen. Die potenziellen Auswirkungen dieser sogenannten Finanzialisierung der Rohstoffmärkte auf Rohstoffpreisentwicklungen und die Frage nach geeigneten Regulierungen werden kontroversiell diskutiert.

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Financial Markets and the Commodity Price Boom”, das von der Oesterreichischen Nationalbank finanziert wurde, analysierte die ÖFSE, ob und in welchem Ausmaß Finanzinvestoren und die Finanzialisierung von Rohstoffmärkten die Entwicklung von Rohstoffpreisen beeinflusst haben und inwieweit diese die Struktur und fundamentale Rolle von Rohstoff-Derivatmärkten verändert haben. Methodologisch wurde ein Ansatz verfolgt, der quantitative ökonometrische Analysen mit qualitativen interviewgestützten Methoden kombiniert. Die Analyse fokussierte auf die fünf Rohstoffe Kaffee, Baumwolle, Weizen, Rohöl und Aluminium.

Die Forschungsergebnisse bestätigen die Finanzialisierungs-Hypothese, die besagt, dass die steigende Bedeutung von Finanzinvestoren auf den Rohstoff-Derivatmärkten neben fundamentalen und makroökonomischen Faktoren die Rohstoffpreise beeinflusst und die Strukturen der Rohstoffmärkte grundlegend verändert. Diese Ergebnisse stellen auch infrage, inwieweit Rohstoff-Derivatmärkte noch ihre realwirtschaftlichen Aufgaben der Preisfindung und Absicherung von Preisrisiken erfüllen.

Anschließend an dieses Projekt wird die ÖFSE im Herbst 2016 mit dem Projekt „Financialising commodity markets and global value chains in cocoa and coffee? The role of commodity trading houses“ beginnen. Der Fokus dieses Projekts liegt auf der Analyse von internationalen Rohstoff-Handelshäusern und ihren multiplen Rollen und Strategien in physischen Rohstoffmärkten und Finanzmärkten im Kontext des Endes des Super-Cycle und regulativen Veränderungen. Die Analyse fokussiert auf die Rohstoffe Kaffee und Kakao und auf wirtschaftliche und soziale Auswirkungen auf Produzenten in Sub Sahara Afrika. Obwohl Rohstoff-Handelshäuser die zentralen Organisatoren von Rohstoffhandel sind, sind ihre veränderten Strategien und Auswirkungen auf Entwicklungsländer kaum untersucht. Das Projekt hat auch zum Ziel, Politikempfehlungen auf internationaler, EU- und nationaler Ebene zu entwickeln.

Ansprechperson zum Thema:

Cornelia Staritz

Dr.in Cornelia Staritz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Tel.: +43 1 317 40 10 – 116  
E-Mail: c.staritz@oefse.at
 
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