Wer wird untersucht, wer bleibt unsichtbar?
Datenungerechtigkeit und geografische Verzerrungen in EEA-Studien zu Flutereignissen im Kontext internationaler Klimafinanzierung
Romana SpringerWien, October 2026 | 978-3-902906-81-6

Wer im Herbst 2024 von Wien Richtung Westen mit dem Zug unterwegs war, konnte die Folgen eines Jahrhunderthochwassers in Österreich noch lange am Fahrplan ablesen: Züge fielen aus, mussten umgeleitet werden, Fahrzeiten verlängerten sich. Die Kosten der Reparaturen schätzten die ÖBB damals auf rund € 100 Mio. Die Bilder des überfluteten Tullnerfelds, kaputter Infrastruktur, verwüsteter Wohnhäuser und tagelanger Einsätze der Rettungs- und Hilfskräfte machten deutlich, wie verwundbar sogar ein Hocheinkommensland gegenüber Extremwetter ist. Zugleich riefen sie heikle Fragen auf den Plan: Wer kommt für die Schäden auf? Wer erhält welche Unterstützung?
Auch die internationale Klimapolitik beschäftigt sich mit diesen Fragen. Unter dem Begriff „Loss and Damage“ wird darum gerungen, wie besonders betroffene Länder bei der Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste unterstützt werden können. Dabei geht es um Verantwortung, um Geld und auch um die wissenschaftlichen Grundlagen politischer Entscheidungen. Mit letzteren beschäftigt sich eingehend die vorliegende Studie.
Romana Springer widmet sich in ihrer Masterarbeit einem Umstand, der in dieser Debatte leicht übersehen wird, nämlich der ungleichen geografischen Verteilung wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt steht die sogenannte Ereignisattribution. Sie untersucht, in welchem Maß der menschengemachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit oder Intensität eines Extremereignisses verändert hat. Die Autorin fragt, wo solche Untersuchungen zu Starkregen und Überschwemmungen vorliegen und wie ihre Verteilung mit dem Ausmaß der Betroffenheit zusammenhängt.
Dafür wertet sie 110 Attributionsstudien aus und verknüpft sie mit internationalen Daten zu Flutereignissen, ihren Folgen und Risiken. Ein zentraler Befund ist der enge Zusammenhang zwischen der Zahl der Studien und den dokumentierten absoluten wirtschaftlichen Schäden. Andere Formen der Betroffenheit spiegeln sich in der Forschungslandschaft weniger deutlich wider. Schon das Wort „dokumentiert“ verdient dabei einen genaueren Blick, denn bereits die Erfassung von Schäden ist lückenhaft und hängt von den verfügbaren Ressourcen ab.
Eine besondere Stärke der Arbeit liegt darin, dass sie den Anspruch einer evidenzbasierten Politik ernst nimmt und zugleich dessen Voraussetzungen hinterfragt. Entscheidungen über die Unterstützung Betroffener brauchen verlässliche Daten. Wer sich auf solche Daten stützt, muss sich allerdings auch dafür interessieren, unter welchen Bedingungen sie entstehen und wessen Lebensumstände darin in welcher Form abgebildet werden. Der Verlust einer Lebensgrundlage lässt sich in Geld oft nur unzureichend ausdrücken. Welche Unterstützung Betroffenen zukommen soll, bleibt deshalb auch eine Frage gesellschaftlicher Vorstellungen von Gerechtigkeit.
Für die internationale Klimafinanzierung ergibt sich daraus die wichtige Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden können, ohne Länder mit schwacher Daten- und Forschungsinfrastruktur zusätzlich zu benachteiligen. Würde der Zugang zu Unterstützung eng an das Vorliegen von Attributionsstudien geknüpft, könnten sich bestehende Ungleichheiten in der Verteilung finanzieller Mittel fortsetzen. Die Arbeit gibt deshalb Anlass, sowohl über die Kriterien der Mittelvergabe als auch über die Stärkung von Forschungskapazitäten im Globalen Süden nachzudenken.
Mit dem ÖFSE Forum möchten wir Forschungsarbeiten junger Wissenschafter*innen einem breiteren Publikum zugänglich machen und zur entwicklungspolitischen Diskussion beitragen. Romana Springers Untersuchung gibt wichtige Denkanstöße für die Ausgestaltung internationaler Klimafinanzierung. Ich freue mich, dass wir ihre Arbeit in dieser Reihe veröffentlichen und wünsche ihr eine interessierte Leserschaft.