Aid in Crisis – Humanitarian Challenges in a World of Aid Cuts
ÖFSE (Hrsg.)Wien, April 2026 | 978-3-902906-80-9 | DOI: https://doi.org/10.60637/2026-oepol25

„This is not just a funding shortfall – it is a crisis of responsibility.” Mit diesem Satz brachte Filippo Grandi, Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (2016-2025), im Frühjahr 2025 die gegenwärtige Weltlage auf den Punkt. Sein Satz trifft auch den Kern des vorliegenden Bandes: Der Bedarf an humanitärer Unterstützung nimmt weltweit rasant zu, Krisen werden komplexer, zugleich geraten aber die politischen und finanziellen Voraussetzungen von Entwicklungszusammenarbeit und -politik immer stärker unter Druck.
„Aid in Crisis – Humanitarian Challenges in a World of Aid Cuts“ nimmt diese Spannung als Ausgangspunkt und fragt, was „Hilfe“ heute in einer Welt bedeutet, in der sich Notlagen zuspitzen, aber die internationale Bereitschaft, sich dafür verlässlich zu engagieren, erodiert. Unser Titel ist bewusst doppeldeutig. Er verweist erstens auf Entwicklungszusammenarbeit in einer Zeit multipler Krisen: Konflikte, Vertreibung, Ernährungsunsicherheit, Klimaextreme und fragile Staatlichkeit überlagern einander und verstärken sich gegenseitig. Zweitens benennt er eine Krise der Hilfe selbst: Diese manifestiert sich finanziell in Form von Kürzungen, normativ in Form umkämpfter Zielsetzungen und selektiver Solidarität und politisch in Form von Prioritätenverschiebungen und geopolitischer Instrumentalisierung.
Die Entwicklungspolitik ist damit gewissermaßen selbst zum Opfer jener krisenhaften Entwicklungen geworden, die sie seit Anbeginn zu bekämpfen versucht, nämlich globaler Ungleichheiten, ungerechter ökonomischer Strukturen und daraus folgender politischer Konflikte. Eine toxische Gemengelage aus Polarisierung und Radikalisierung, Spannungen und Krieg, Abstiegsängsten und Zukunftssorgen hat ein an Ausgleich und Solidarität orientiertes – und grundsätzlich optimistisches, ja fortschrittsgläubiges – Politikfeld in Bedrängnis gebracht. Die große Frage ist, wie aus der aktuellen „Verantwortungskrise“ wieder eine Perspektive auf Kooperation, Stabilisierung und Entwicklung hervorgehen kann.
Gerade deshalb rückt der vorliegende Band die Schnittstellen zwischen humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung ins Zentrum und damit auch die Frage nach tragfähigen Finanzierungswegen und institutionellen Arrangements in den vielfältigen „protracted crises“ rund um den Globus. Im Fokus stehen die Spannungen zwischen schnellen Reaktionen und langfristiger Wirksamkeit sowie die Herausforderung, finanzielle Flüsse und Interventionen mit Konfliktsensibilität, lokaler Ownership und Politikkohärenz zu verbinden.
Die Österreichische Entwicklungspolitik erscheint seit 1985 als Jahrespublikation der ÖFSE. Mit der Publikation verfolgen wir den Anspruch, entwicklungspolitische Debatten evidenzbasiert, differenziert und kritisch zu begleiten, in Österreich ebenso wie international. Im ersten Teil der Publikation wird ein aktuelles Schwerpunktthema der internationalen Debatte aus unterschiedlichen Perspektiven erörtert. Der zweite Teil analysiert und kommentiert die Finanzflüsse Österreichs an Entwicklungsländer. Der abschließende dritte Teil besteht aus einer Chronik der Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit, die einen Überblick über wichtige Ereignisse des jeweiligen Jahres in Österreich liefert.
Die Ausgabe 2025 steht damit in einer langen Tradition, greift aber ein Thema auf, das aktueller kaum sein könnte: Was geschieht mit dem Ideal internationaler Solidarität, wenn die Welt zugleich mehr Hilfe braucht, aber immer weniger bereit ist, sie zu leisten?
DOI: https://doi.org/10.60637/2026-oepol25
Einzelne Artikel zum Download:
- Geopolitical Upheavals: Implications for the Global South and Development
Stephan Klingebiel, Andy Sumner - The Humanitarian-Development-Peace Nexus amidst the global collapse of crisis financing
Sonja Hövelmann - After the Age of Abundance: The Re-Ordering of Humanitarian Governance in the Wider Horn of Africa
Jan Pospisil - Policy Coherence in the Polycrisis: the Case for a Whole-of-Government Development Policy in Turbulent Times
Lukas Schlögl, Robert Zeiner