Aktueller Kommentar März 2026
Warum Schokolade trotz sinkender Kakaopreise teuer bleibt

Die Kakaopreise sind im freien Fall, doch Schokolade bleibt weiterhin teuer. Warum kommt der Preisverfall bei Konsument*innen nicht an? Und verlieren die Bäuer*innen erneut?
Von Bernhard Tröster (ÖFSE), März 2026
Ostern steht vor der Tür und damit auch die Schoko-Osterhasen in den Supermärkten. Für Konsument*innen bleibt es auch 2026 teuer: Die Preise für Schokolade-Osterhasen bleiben 2026 auf dem hohen Niveau des Vorjahres und sind damit rund 30 Prozent teurer als noch vor zwei Jahren. Dabei sind die Weltmarktpreise für Kakao seit ihrem historischen Höchststand Anfang 2025 deutlich gefallen: von über 10.000 US-Dollar auf derzeit rund 3.000 US-Dollar pro Tonne. Warum also bleibt Schokolade so teuer? Und verlieren die Kakaobäuer*innen in Westafrika erneut?
Sinkende Kakaopreise kommen bei Konsument*innen nicht an
In unserem Kommentar vom Oktober 2025 haben wir gezeigt, dass wenige Akteure die Verteilung von Gewinnen und Risiken entlang der Kakao-Wertschöpfungskette kontrollieren. Die aktuelle Entwicklung bestätigt diese Diagnose. Trotz deutlich gesunkener Rohstoffpreise halten große Schokoladenhersteller ihre Verkaufspreise größtenteils stabil, auch wenn die Absatzmengen etwas zurückgehen. Einmal durchgesetzte Preiserhöhungen werden bei sinkenden Rohstoffkosten nur verzögert zurückgegeben. Das liegt auch an den Einkaufpraktiken und Preisabsicherungen der Hersteller: Die Kakaobohnen für die Schokolade, die derzeit im Regal liegt, wurden noch zu Preisen der Vorsaison eingekauft. Da die Kakaopreise 2024 noch hoch waren, gerieten die Margen der meisten Schokoladenhersteller 2025 kurzfristig unter Druck. Für 2026 sind die Aussichten angesichts der gesunkenen Kakaopreise im Vorjahr hingegen deutlich optimistischer.
Große Hoffnung, bittere Ernüchterung für Kakaobäuer*innen
Im Oktober 2025 hoben Côte d'Ivoire und Ghana ihre garantierten Erzeugerpreise mit knapp 5.000 USD je Tonne auf ein historisches Niveau. Grundlage war, dass man damit gerechnet hat den Großteil der prognostizierten Erntemenge zu höheren Preisen verkauft zu haben. Die Hoffnung war groß, dass Bäuer*innen nach Jahren mit schwachen Preisstabilisierungsmechanismen stärker profitieren würden als Produzent*innen in anderen Ländern.
Doch der globale Marktpreis kollabierte schneller als erwartet, weil die Ernte deutlich besser ausfiel als vorhergesagt. Damit muss ein deutlich größerer Teil der Ernte zu niedrigeren Preisen als geplant verkauft werden und entzog damit den hohen Erzeugerpreisen die Grundlage.
Das Ergebnis: Riesige Mengen unverkaufter Kakaobohnen stapelten sich in den Häfen und Lagern. Die staatlich festgesetzten Preise lagen deutlich über dem gesunkenen Weltmarktniveau, sodass Ankäufer diese nicht mehr zahlen wollten. Côte d'Ivoire reagierte mit einem drastischen Schritt: Die Zwischenernte wurde auf März vorgezogen, und der Erzeugerpreis von 4,30 EUR/kg (2.800 FCFA/kg) auf 1,80 EUR/kg (1.200 FCFA/kg) gesenkt. Ein Rückgang von 58 Prozent innerhalb von fünf Monaten. Ghana vollzog ebenfalls vorzeitig zwei Preissenkungsschritte und liegt nun bei rund 3.30 EUR/kg (41.000 GHS/Tonne).
Stabilisierungssysteme stoßen an ihre Grenzen
Selbst diese Preise liegen noch immer über den aktuellen Weltmarktpreisen, was zu anhaltender Zurückhaltung bei Käufern führt. Beide Regierungen mobilisierten daher erhebliche staatliche Mittel. Côte d'Ivoire setzt insgesamt über 510 Milliarden FCFA (~920 Millionen USD) ein: 280 Milliarden für den Rückkauf von 100.000 Tonnen Restbeständen zu 2.800 FCFA/kg sowie 231 Milliarden zur Subventionierung des garantierten Zwischenerntepreises auf 1.200 FCFA/kg. In Ghana versucht die staatliche Stelle COCOBOD rund 330 Millionen USD für Zwischenhändler bereitzustellen, um Käufe bei Bäuer*innen zu ermöglichen.
Diese Krise legt eine strukturelle Schwäche der westafrikanischen Preisstabilisierungssysteme offen: Sie setzen Mindestpreise, kontrollieren aber weder Exportvolumina noch Kapitalflüsse entlang der Kette. Wenn Exportverträge zu hohen Preisen vorab verkauft werden, der Weltmarktpreis aber danach auf Grund höherer Ernten und Spekulation rasant fällt, entsteht ein unlösbarer Widerspruch. Der garantierte Preis liegt dann über dem Preis für die Gesamternte und überschüssige Mengen finden keine Abnehmer. Fehlt die nötige Liquidität, springt der Staat als Letztsicherung ein, mit enormen Kosten und Risiken für die öffentlichen Haushalte.
Ein zentrales, bislang fehlendes Instrument ist die Vorratshaltung: Würde nur die bereits vorverkaufte Menge auf den Weltmarkt gelangen, könnte dies den Preisverfall abmildern. Das erfordert jedoch erhebliche staatliche Mittel und eine abgestimmte Vermarktungsstrategie über mehrere Jahre – auch um spekulative Angriffe auf den Markt abzuwehren. Die von Côte d'Ivoire und Ghana vereinbarte „Abidjan Declaration“ von 2018 enthielt zwar Absichtserklärungen zur Vorratshaltung sowie zu einer Produktionsobergrenze für Côte d'Ivoire. Diese wurden jedoch nie operationalisiert. Stattdessen konzentriert sich die Initiative bislang auf Preiselemente wie das Living Income Differential – einen 2019 eingeführten Aufschlag von 400 USD pro Tonne auf den Exportpreis zur Verbesserung der Einkommen der Bäuer*innen. Dieser Mechanismus setzt jedoch einen funktionierenden Exportmarkt voraus und verliert seine Wirkung, wenn der Absatz stockt und Käufer wegbleiben. In einer Situation, in der die Staaten enorme Mittel einsetzen, um Kakao aufzukaufen, wäre eine klare Strategie für den Umgang mit unverkäuflichen Mengen zentral.
Ungleiche Machtverhältnisse bleiben bestehen
Während Produzentenländer Millionen zur Marktstützung einsetzen, bleibt die Machtasymmetrie in der Wertschöpfungskette unverändert bestehen. Internationale Händler, Verarbeiter und Schokoladenhersteller verfügen über Absicherungsinstrumente (Hedging) und Verhandlungsmacht, um ihre Margen auch in turbulenten Phasen zu stabilisieren. Die Bäuer*innen hingegen konnten nur kurzfristig von höheren Preisen profitieren, sehen sich aber jetzt wieder mit niedrigen Preisen konfrontiert.
Für die Konsument*innen bedeutet das: Der Osterhase wird vorerst nicht billiger. Die Schokoladenpreise spiegeln nicht den gesunkenen Kakaopreis wider, sondern vielmehr die Fähigkeit der Schokoladenproduzenten, einmal erzielte Preiserhöhungen möglichst lange zu halten und gleichzeitig günstiger einzukaufen.
Was sich im Kakaosektor ändern müsste
Die aktuelle Episode zeigt einmal mehr: Preisstabilisierungssysteme ohne Volumenkontrolle und ohne ausreichendes Kapital sind in einem volatilen Weltmarkt strukturell verwundbar. Wirksame Reformen müssten drei Elemente verbinden: 1.) eine bessere Kontrolle der Exportvolumina, um Überangebote auf dem Weltmarkt zu vermeiden; 2.) ausreichend kapitalisierte Stabilisierungsfonds, die auch längere Tiefpreisphasen überbrücken können; und 3.) mehr Transparenz über die Dynamik der Gewinnverteilung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Feld bis ins Supermarktregal.
Letztendlich bleiben Kakao und Schokolade politische Produkte. Wer von hohen Preisen profitiert und wer die Krisenkosten trägt, ist eine politische Frage. Eine Frage, die sowohl westafrikanische Staaten, als auch die Kakaokonzerne beantworten müssen, die mit Nachhaltigkeitsversprechen werben.
Dr. Bernhard Tröster ist Senior Researcher an der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE).