Aktueller Kommentar September 2026

"Bildung für alle" - aber nicht für alle gleich?

Warum die globale Bildungsexpansion Ungleichheiten nicht automatisch beseitigt. 

Von Margarita Langthaler (ÖFSE), September 2026

In knapp vier Jahren, 2030, endet die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung. Die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) mit ihren zahlreichen Unterzielen umfassen auch ein eigenes Bildungsziel: SDG 4. Neben der universellen Grundschulbildung geht es darin auch um mehr Bildungsgleichheit. Doch wie weit sind wir auf diesem Weg tatsächlich gekommen?

273 Millionen Kinder und Jugendliche gehen derzeit weltweit nicht zur Schule. Das zeigt der aktuelle Global Education Monitoring Report (GEM) der UNESCO, der sich in diesem Jahr dem Thema „Access and Equity", also Zugang und Bildungsgleichheit, widmet. Der universelle Zugang zu Schule wird auf globaler Ebene bis 2030 nicht erreicht werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die internationale Bildungsagenda gescheitert ist. Im Gegenteil: Seit dem Jahr 2000 sind die Einschulungsraten deutlich gestiegen - in der Primar- und Sekundarschule um 30 Prozent, in der postsekundären Bildung sogar um 161 Prozent.

Von “Bildung für alle” zu mehr Bildungsgleichheit

Internationale Bildungsagenden haben eine lange Tradition. Sie reichen zumindest bis 1990 zurück, als die erste „Education for All"-Agenda verabschiedet wurde. Mit den SDGs rückte 2015 schließlich die Frage der Bildungsungleichheit stärker ins Zentrum.

Das hatte zwei Gründe. Zum einen zeigten die Erfahrungen mit der „Education for All"-Agenda und den Millennium Development Goals, dass steigende Bildungsbeteiligung nicht automatisch allen zugutekommt. Zwar stiegen die Beteiligungsraten deutlich, doch arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen profitierten von dieser Bildungsexpansion wesentlich weniger als andere.

Zum anderen spiegelte sich im SDG 4 die Offenheit des Stakeholder-Dialogs wider, der die Ausarbeitung der Agenda 2030 begleitete. Zivilgesellschaftliche Organisationen hatten sich für ein eigenes Unterziel zu Bildungsgleichheit eingesetzt - und fanden damit Gehör.

Große Fortschritte, aber auch große Lücken

Der jüngste UNESCO-Weltbildungsbericht zeichnet trotz aller Fortschritte ein eher ernüchterndes Bild, wenn es um Bildungsgleichheit geht.

Verbesserungen gibt es bei der Geschlechtergleichstellung und - in geringerem Ausmaß - bei den Bildungsunterschieden zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung. Gerade diese Unterschiede sind jedoch in der oberen Sekundarstufe in fast der Hälfte der Länder noch immer sehr ausgeprägt. Besonders stark ist die Bildungsungleichheit nach Einkommen. Hier gibt es bislang nur geringe Fortschritte. Vor allem in der frühkindlichen Bildung und in der oberen Sekundarstufe sind die Unterschiede groß. Fortschritte gibt es noch auf der Ebene der Bildungspolitik. Immer mehr Länder verabschieden beispielsweise inklusive Schulgesetze oder verlängern die Schulpflicht auf zwölf Jahre.

Doch insgesamt reichen die Fortschritte bei der Bildungsexpansion nicht aus, um das Ziel eines universellen Schulzugangs bis zur oberen Sekundarstufe zu erreichen.

Und die globalen Durchschnittswerte können sogar darüber hinwegtäuschen, wie groß die Ungleichheiten in Ländern mit niedrigem Einkommen nach wie vor sind. Während in Ländern mit höherem Einkommen inzwischen mehr Mädchen als Burschen die Sekundarschule abschließen, ist das Verhältnis in Ländern mit niedrigerem Einkommen noch immer umgekehrt - deutlich zulasten der Mädchen.

Ähnliches gilt für Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie für sozioökonomische Ungleichheiten: Sie sind in Ländern mit niedrigem Einkommen wesentlich stärker ausgeprägt als in Ländern mit höherem Einkommen.

Was die Pandemie sichtbar gemacht hat

Das Thema Bildungsungleichheit wurde zuletzt während der Covid-19-Pandemie besonders intensiv diskutiert. Die Schulschließungen in vielen Ländern führten fast überall zu einem Anstieg der Ungleichheiten. Global betrachtet waren die Folgen jedoch in armen Ländern und für arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen deutlich gravierender als in reichen Ländern.

Ein wichtiger Grund war der fehlende Zugang zu digitalen Geräten und anderen technischen Voraussetzungen für das Lernen zu Hause. Gleichzeitig waren viele Kinder und Jugendliche aufgrund der wirtschaftlichen Krise darauf angewiesen, ihre Familien finanziell oder durch Betreuungsleistungen zu unterstützen.

Die Pandemie machte damit auch etwas anderes sichtbar: Innovationen im Bildungssystem, etwa Online-Unterricht und zunehmende Digitalisierung, verringern Ungleichheiten nicht automatisch. Sie können bestehende Ungleichheiten sogar verstärken.

Warum einzelne Maßnahmen nicht ausreichen

Diese Erfahrung verweist auf ein grundlegenderes Problem. Einzelne Maßnahmen - insbesondere technologische Innovationen oder Programme für bestimmte Zielgruppen - können systemische Ungleichheiten nur begrenzt ausgleichen. Entscheidend ist vielmehr, Bildungssysteme insgesamt gerechter und inklusiver zu gestalten.

Auch bei kompensatorischen Maßnahmen wie Schulgutscheinen oder Transferzahlungen zeigen Studien, dass ihre Wirkung nicht überall gleich ist. Sie hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. Denn Bildungsungleichheiten stehen in engem Zusammenhang mit sozioökonomischen, kulturellen und räumlichen Faktoren: mit Einkommensunterschieden, sozialen Abgrenzungsstrategien oder der sozialen Zusammensetzung von Wohngebieten. Unter bestimmten Bedingungen können gut gemeinte Maßnahmen sogar gegenteilige Effekte haben. Wenn etwa bestimmte Schulen durch Förderprogramme stigmatisiert werden, kann das dazu führen, dass Mittelschichtsfamilien diese Schulen verstärkt verlassen.

Bildung ist auch eine Frage von Macht und Geschichte

Bildungsungleichheit muss deshalb stärker im sozialen und politischen Kontext und als Ergebnis historischer Entwicklungen betrachtet werden. Der internationale Bildungsdiskurs konzentriert sich häufig auf Daten, Indikatoren und Messbarkeit. Diese Perspektive allein reicht jedoch nicht aus.

Bildungssysteme spiegeln gesellschaftliche Strukturen und Hierarchien wider - und sie können diese zugleich reproduzieren. Das zeigt sich besonders deutlich in vielen Ländern des Globalen Südens. Dort gehen stark ungleiche Bildungssysteme teilweise auf koloniale Bildungsstrukturen zurück, die historisch darauf ausgerichtet waren, nur kleine Gruppen von Menschen auszubilden. Diese Mechanismen der Ausgrenzung wirken bis heute nach. Sie zeigen sich beispielsweise in der Hierarchie zwischen privaten und öffentlichen Schulen oder in den großen Unterschieden zwischen städtischen und ländlichen Bildungsangeboten.

In reicheren Ländern sind diese Mechanismen meist weniger offensichtlich. Sie können durch das Versprechen der „Chancengleichheit“ verdeckt werden. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sprach in diesem Zusammenhang von der „Illusion der Chancengleichheit". Das ändert jedoch nichts daran, dass Bildungssysteme und Bildungspolitik umkämpfte Felder sind. Privilegierte soziale Gruppen haben nicht zwangsläufig ein Interesse daran, bestehende Bildungsungleichheiten zu verändern.

In Österreich fehlt der politische Wille

Wie stark Bildungsgleichheit auch eine Frage des politischen Willens ist, zeigt nicht zuletzt Österreich.

Wissenschaftliche Evidenz belegt seit Langem die stark segregierende Wirkung der frühen Trennung in Mittelschule und Gymnasium. Auch internationale Vergleichsstudien weisen immer wieder darauf hin, dass die soziale Herkunft in Österreich besonders stark über Bildungswege und Bildungserfolg mitentscheidet. Trotzdem fehlt bis heute der politische Wille, diese frühe Trennung grundlegend zu verändern. Die globale Bildungsagenda hat also durchaus Fortschritte gebracht. Millionen Menschen haben heute Zugang zu Bildung, der ihnen vor wenigen Jahrzehnten noch verwehrt war. Doch mehr Bildung bedeutet nicht automatisch mehr Bildungsgleichheit.

Wenn das Ziel der Agenda 2030 tatsächlich darin besteht, Bildung für alle zu ermöglichen, reicht es deshalb nicht, Türen zu Schulen und Universitäten zu öffnen. Es geht auch darum, welche Chancen hinter diesen Türen warten - und wer tatsächlich von ihnen profitieren kann.

Dr.in Margarita Langthaler ist Senior Researcher an der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). 
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Veranstaltungshinweis

Am 24.09.2026 von 17:30-20:00 findet der Austrian Launch des Global Education Monitoring Report (GEM) der UNESCO zum Thema "Countdown to 2030: Access and equity” in der Austrian Commission for UNESCO, Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien, statt. Zur Anmeldung und zum Programm der Veranstaltung kommen Sie hier.

Am 25.09.2026 findet dann von 9:00-17:00 eine internationale Konferenz zu Bildungsungleichheit in der Sensengasse 3 and 3a, 1090 Wien statt. Innerhalb von neun parallelen Sessions, einem thematischen Panel und drei Workshops diskutieren Forschende und andere Beteiligte über neue Perspektiven und Lösungen für mehr Bildungsgleichheit. Das Programm und mehr Informationen zur Anmeldung finden Sie hier.