Aktueller Kommentar Mai 2026

Österreichische Afrikastrategie: Exportförderung ist zu wenig!

Nach langjähriger Ankündigung wird die Bundesregierung in den kommenden Wochen eine österreichische Afrikastrategie vorlegen. Dem Vernehmen nach soll es vor allem um Exportförderung gekoppelt mit sogenannten Migrationspartnerschaften gehen. Entwicklungszusammenarbeit soll in den Dienst dieser Ziele gestellt werden. Warum das so nicht funktionieren wird.

Von Werner Raza (ÖFSE), Mai 2026

Jahrelang hat man sie verschoben und diskutiert – ohne Einbindung der entwicklungspolitischen Zivilgesellschaft. Nun will sie die Bundesregierung bis zum Sommer vorstellen: die neue Afrikastrategie. Diese entsteht vor dem Hintergrund des neuen Scrambles for Africa: Die USA und China konkurrieren seit Jahren um den Zugang zu kritischen Rohstoffen in Afrika, und auch die EU hat mit dem Global Gateway Programm jetzt spät aber doch reagiert. Das Ziel besteht darin, über die Finanzierung von großen Infrastrukturprojekten den afrikanischen Kontinent wirtschaftlich zu erschließen, den Abbau von kritischen Rohstoffen vor allem für den Export nach Europa zu fördern, und Projekte im Bereich erneuerbarer Energien voranzutreiben, die für die industrielle Transformation in der EU benötigt werden (z.B. Grüner Wasserstoff für die europäische Schwerindustrie). Dazu kommt, dass die EU aufgrund der Zollpolitik der US-Regierung Exportmärkte diversifizieren möchte. Afrika mit seinem starken Bevölkerungswachstum und boomenden urbanen Ökonomien scheint hier erfolgversprechend.

Wohl nicht zuletzt auch wegen der österreichischen Kandidatur zum UN-Sicherheitsrat bemüht sich nun auch die Bundesregierung, den Zug nach Afrika nicht zu verpassen. Afrika wird als Hoffnungsmarkt für die österreichische Exportwirtschaft gepriesen, und die wirtschaftliche Kooperation mit afrikanischen Ländern soll im beidseitigen Interesse gefördert werden. Gleichzeitig soll die Migration aus Afrika durch sogenannte Migrationspartnerschaften begrenzt werden. Dazu sollen Rückführungsvereinbarungen für in Österreich ohne legalen Titel aufhältige Afrikaner*innen mit Abkommen zur Ausbildung von jungen Menschen aus Afrika gekoppelt werden. All das mag auf den ersten Blick gut klingen, wirft aber bei näherer Betrachtung einige Fragen auf, die es aufzulösen gilt, um aus der Afrikastrategie mehr als Ankündigungspolitik zu machen.

Österreichische Exportwirtschaft und Afrika: keine Liebesbeziehung

Die erste Frage lautet: warum soll die österreichische Exportwirtschaft gerade jetzt ihr Interesse an Afrika entdecken? Der österreichische Außenhandel findet zu rund drei Viertel innerhalb Europas statt. Nur rund 0,6 % des Handels findet mit dem sub-saharischen Afrika statt, rund 1,6 % mit der MENA Region (Nordafrika & Naher Osten), davon das meiste in Form von Öl- und Gasimporten aus der arabischen Halbinsel und Libyen. Dieser geringe Anteil hat gute Gründe: afrikanische Länder sind weder als verlängerte Werkbank für österreichische Unternehmen relevant (das sind die Länder Mittel -und Osteuropas, bzw. asiatische Länder), noch vom Marktpotenzial her für österreichische Unternehmen bislang sonderlich interessant. Zudem sind die wirtschaftlichen und politischen Risiken in afrikanischen Ländern hoch, und Finanzierungen für Exporte oder Investitionen daher teuer oder gar nicht zu bekommen. Angesichts fehlender historischer Beziehungen ist es für die überwiegend klein- und mittelbetrieblich strukturierten österreichischen Exporteure in der Regel zu aufwändig, sich das Wissen um diese Länder und deren Marktbedingungen anzueignen, Geschäftsmöglichkeiten zu sondieren oder mehrjährige Projektanbahnungsphasen vorzufinanzieren. Daran haben die in Österreich schon seit vielen Jahren etablierten Förderstrukturen (Exportkredite, Softloans, ADA Wirtschaftspartnerschaften, Projektfinanzierungen der Oesterreichischen Entwicklungsbank (OeEB)) nichts Wesentliches ändern können, auch wenn vor allem die OeEB ihre Geschäftstätigkeit in Afrika in den letzten Jahren ausweiten konnte. Mit weniger als 4 % befindet sich das Haftungsobligo für Afrika im Ausfuhrförderverfahren der OeKB seit Jahren auf einem sehr geringen Niveau, wobei das Gros auf nordafrikanische Länder entfällt.

Will die Bundesregierung österreichische Unternehmen wirklich verstärkt nach Afrika bringen, müsste sie das Exportfördersystem maßgeblich ausbauen, und konkret Engagements österreichischer Unternehmen umfassend de-risken, das heißt die Kosten und Risiken in einem wesentlich stärkeren Ausmaß als bisher übernehmen. Dafür müssten die zuständigen Ministerien – das Wirtschafts- und das Finanzministerium – deutlich mehr Geld zur Verfügung stellen, bzw. staatliche Ausfallshaftungen bereitstellen und die Wirtschaftsdiplomatie in Afrika ausbauen, etwa durch eine Aufstockung der österreichischen Außenwirtschaftszentren. Derzeit werden die 49 Länder des sub-saharischen Afrika von lediglich drei Außenwirtschaftsstellen (Nairobi, Lagos, Johannesburg) betreut.

EZA: im Dienste der Exportwirtschaft?

Die zweite Frage bezieht sich auf die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit (EZA). Was ist deren (sinnvolle) Rolle in der Afrikastrategie? Geht es nach den Plänen des Außenministeriums, soll diese offenbar in den Dienst der Strategie gestellt werden. Dazu ist festzuhalten, dass die gesetzlich normierten Ziele der OEZA gemäß EZA-Gesetz und aktuellem Dreijahresprogramm auf Armutsreduktion, Friedenssicherung und ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Exportförderung kann nur dann als legitimer Bestandteil der EZA gelten, wenn es primär um die nachhaltige Entwicklung in den Partnerländern geht, und nicht um Markterschließung für österreichische Unternehmen. 

Die für die bestehenden afrikanischen EZA-Schwerpunktländer (Äthiopien, Burkina Faso, Mozambik, Uganda) aufgewendeten rund 65 Millionen Euro pro Jahr werden demgemäß hauptsächlich für soziale Zwecke ausgegeben. Die Auswahl von EZA-Schwerpunktländern folgt zudem anderen Zielsetzungen als jene für wirtschaftliche Kooperation. Stark wachsende Märkte bzw. günstige Investitionsbedingungen finden sich üblicherweise in Ländern mit höherem Einkommen, z.B. in Südafrika, Namibia, Marokko, oder Tunesien. Eine Kürzung von Mitteln für die bestehenden Schwerpunktländer zugunsten wirtschaftlich bessergestellter Länder wäre entwicklungspolitisch nicht zu argumentieren, und würde dem von Österreich unterstützten Ziel zuwiderlaufen, Entwicklungsgelder in Höhe von mindestens 0,2% des BNE an Least-Developed Countries (LDCs) auszugeben. 

Popanz Migration steht der Strategie im Weg

Die dritte Frage betrifft den Zusammenhang zwischen der Strategie und dem Thema Migration. Hier entsteht der Eindruck, dass aus einem „Nicht-Problem“ ein Popanz gemacht wird, insbesondere im Hinblick auf die geplanten Rückführungsvereinbarungen. Laut offizieller Statistik lebten zum 1. Januar 2026 1,89 Millionen ausländische Staatsbürger*innen in Österreich, davon 47.701 Personen aus Afrika, was 2,5 % der gesamten ausländischen Bevölkerung entspricht. Auch die Zahl der Asylwerber*innen aus afrikanischen Ländern liegt aktuell (2025) bei 14 % der gesamten Asylanträge (16.668), was im Schnitt der letzten 25 Jahre liegt. Die Anzahl der Abschiebungen aus Österreich im Jahr 2025 betrug gemäß Statistik des Bundesamts für Fremdenwesen insgesamt 5.879, davon betrafen rund 4 % solche in afrikanische Länder.

In Wirklichkeit gibt es kein gravierendes Migrationsproblem mit Afrika. Diesem Thema in der Afrikastrategie Priorität einzuräumen, dürfte gerade für den Aufbau intensiverer Wirtschaftskooperation mit afrikanischen Staaten kontraproduktiv sein. Schließlich gehen engere Wirtschaftsbeziehungen in der Regel mit der Notwendigkeit höherer Mobilität einher, etwa in Form von Geschäftsreisen, der Entsendung von Schlüsselkräften oder für Ausbildungszwecke. Beziehungen im beidseitigen Interesse würden eine Liberalisierung der Visa-Politik Österreichs für afrikanische Partner implizieren. Dies nur auf auszubildende junge Menschen aus Afrika anzuwenden, dürfte für afrikanische Länder schwerlich akzeptabel sein, wenngleich der Ausbau von Partnerschaften im Bildungsbereich grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme darstellt. 

Fazit: echte Partnerschaft gefragt

Angesichts geopolitischer Umbrüche die Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern zu intensivieren, ist grundsätzlich ein sinnvolles Vorhaben, braucht aber eine realistische Basis - sowohl politisch-strategisch als auch materiell. Zu glauben, dass Afrika auf Österreich wartet und österreichischen Interessen vorbehaltlos zu Diensten stehen wird, wäre naiv und anmaßend. Man sollte davon ausgehen, dass Afrikaner*innen mit Österreich dann kooperieren wollen, wenn österreichische Partner Fachwissen, Kompetenzen und Technologie mitbringen, lokale Produktionskapazitäten gestärkt und der Marktzugang für afrikanische Produkte und Dienstleistungen in Europa erleichtert wird, vor allem wenn es darum geht, europäische regulatorische Standards zu erfüllen.

Aus dieser Sicht spräche viel für eine Ausweitung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, der Kompetenzentwicklung und des Technologietransfers in verschiedenen Sektoren, wie z.B. bei ökologischer Landwirtschaft, im Tourismus, bei Pharmazie oder grünen Technologien. Die bestehenden österreichischen Programme für wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit (insb. Africa UniNet, APPEAR) sind auch bei afrikanischen Partnern gefragt, können aber nur ein Anfang sein. Abgesehen von mehr Mitteln braucht es dafür auch eine liberalere Visa-Politik für den wissenschaftlichen und unternehmerischen Austausch.

Will die Bundesregierung Exporte und Investitionen der österreichischen Wirtschaft in afrikanischen Ländern unterstützen, muss über eine andere Förderpolitik nachgedacht werden. Exportförderung ist legitim, aber sollte von den dafür zuständigen Ministerien (Wirtschaft, Finanzen) wahrgenommen werden. Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit ist dafür jedenfalls der falsche Hebel.

Dr. Werner Raza ist wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE).
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